Bruckner Akademie Orchester erregt Begeisterung

Seite R 6 / Süddeutsche Zeitung Nr. 76 / LKS
Unterhaching/Unterschleißhein

Fackel weitergetragen

Zwei Bürgerhäuser im Landkreis München boten ihrem Publikum zum Ausklang der Osterwoche ein ergreifend schönes, ein herrliches Konzert – im Norden Unterschleißheim, im Süden Unterhaching. Das dritte und letzte Konzert fand am Montag im Herkulessaal der Residenz statt.
Das Bruckner Akademie Orchester musizierte unter der Leitung seines Dirigenten Jordi Mora. Dieses im Wesentlichen aus Moras bahnbrechender Arbeit mit dem Münchner Jugendorchester hervorgegangene Großensemble, immer noch auffallend jung und mit Profis, Studenten sowie ausgezeichneten Laien besetzt, hat sich zu einem hervorragenden Klangkörper entwickelt.
Der Konzertabend begann mit dem Cellokonzert von Anton Dvoräk. Bereits beim großen, sinfonisch angelegtem Orchestervorspiel nahm man mit Staunen und Bewunderung wahr, wie rund und geradezu samtig der Streicherklang geworden ist, wie geschlossen und diszipliniert (also nicht etwa grob auftrumpfend) die Blechbläser als musikalische Gruppe auftreten und wie geschmeidig die Holzbläser, voran die bei böhmischer Musik so wichtigen Klarinetten, ihre Soli bliesen und ihre Klangfarben einbrachten. Böhmische Musik ist dieses Cellokonzert, obwonl es Dvoräk noch als letztes Werk in New York geschrieben hat; denn in ihm wurde die Sehnsucht nach der böhmischen Heimat zur Musik
Die Interpretation war nicht vorwiegend slawisch leidenschaftlich, sondern eine beglückende Mischung aus seelenvollem Musizieren und Eleganz. Der Solist, Lluis Claret, verbindet die Vorzüge der russischen Schule, etwa um Rostropowitsch, mit der Eleganz der französischen. Sein unerhört souveränes Spiel mit sehr differenzierter Tongebung vom markanten Fortissimo im großen, von energischem Bogen erzeugten, doch immer eleganten Ton bis zum zarten Piano faszinierte vom ersten Augenblick an. Immer „singt“ sein
Cello. Das ergab herrliche Dialoge – mit dem Orchester, das unter Jordi Mora Dvoráks Musik in vergleichbarer Weise interpretierte, und mit dem ersten Geiger, Emanuel Wiesler, der mit Claret ein Doppelsolo wie aus einem Guss spielte. Die Freude an solchem Musizieren war an den Gesichtern der Musiker abzulesen und aus jeder Wendung herauszuhören. Ein baskisches Wiegenlied war Lluis Clarets innig gespielte Zugabe.
Jordi Mora ist unter allen Celibidache-Schülern der ausgewiesene Bruckner-Spezialist, der die Fackel dieser legendären Interpretationen weiterträgt. Diesmal ging es um Bruckners „Sechste“ der Walter Abendroth schrieb, sie gehöre zu den unmittelbar begreiflichen“. Bruckner selbst sah sie als „die Kühnste“. Mora hat sich in seiner Deutung Bruckners Sicht angeschlossen und arbeitete die Strukturen dieser erhabenen Komposition deutlich heraus, gestaltete mit größtem Einsatz, riss seine Musiker zu Höchstleistungen mit und machte die Symphonie so für seine Musiker und die Zuhörer tatsächlich „begreifbar“ und noch weit mehr: Er begeisterte mit und für Anton Bruckner.

ADOLF KARL GOTTWALD

2007

15. Osterakademie

J. Brahms: Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83, Solist: Alexander Panizza
P. I. Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 5 e-moll op. 64

14.04.2007 Forum Unterschleißheim
15.04.2007 Kubiz Unterhaching
16.04.2007 Herkulessaal der Münchner Residenz

Interpretationstage

Ch. Gounod: Kleine Symphonie für Bläser
P. I. Tschaikowsky: Rococo Variationen für Cello und Orchester, Solistin: Hong Eun-Sung
D. Schostakowitsch: Kammersymphonie für Streicher op. 110 b

04.11.2007 Kubiz Unterhaching

Zwei großartige Riesenwerke der Musikliteratur

BAO 2007

Bruckner Akademie Orchester zeigt sich in Hochform

Das Zweite Klavierkonzert von Brahms und Tschaikowskis Fünfte Sinfonie an einem Abend was für eine Herausforderung! Und was für ein Glücksfall: Beide Werke gehören zu den großartigsten der Musikliteratur überhaupt. Sie tragen die Handschrift des reifen Alters, leuchten vor innerem Reichtum, stehen an epochalen Nahtstellen und sind trotz ihrer Abgeklärtheit technisch extrem schwierig zu bewerkstelligen. Die Aufführung dieser beiden romantischen Riesenwerke dauert über zweieinhalb Stunden, und wenn Dirigent und Orchester nicht absolut in Form sind und aus der Genialität dieser Musik Mittelmaß machen, kann die Zeit unerträglich lang werden. Doch die Unterhachinger wurden belohnt: Der aus Barcelona stammende Dirigent Jordi Mora hatte im vollen Kubiz eine weitgehend glückliche Hand. Er steuerte sein Schiff, das vorwiegend aus Laien bestehende Bruckner Akademie Orchester, souverän durch die acht Sätze, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts so eigenwillig gegen Avantgarde-Strömungen stemmten und klassisch-romantische Traditionen kurz vor ihrem Zusammenbruch noch einmal in Reinform erblühen ließen. Das Orchester und der Pianist Alexander Panizza verstanden sich vorzüglich auf die klassizistische Tonsprache in Brahms Klavierkonzert: Eine Dynamik, die im Gravitationszentrum eines strahlenden Mezzoforte kreiste, irrlichternde Klangfiguren, perlende Oktavtrillerketten und über alledem der Glanz eines überaus schön intonierenden Hornes: In Sachen Lyrik blieben keine Wünsche offen. Vor allem das entrückte Adagio bezauberte mit seinem Dialog zwischen Cello und Klavier. Im zweiten Satz wird das Liebesgeflüster zur Klage Panizza beging im Mittelteil Gott sei Dank nicht den Fehler, das Tempo zu forcieren, paradiesisch schön tropfte vielmehr Ton für Ton, wie hinter einem Schleier flimmerten diese von Hitze durchtränkten Klänge. Nur schade, dass bisweilen der epische Schwung auf der Strecke blieb: Vor allem der Kopfsatz hätte entfesselter sein können, doch Jordi hatte einfach nicht den Mut, das strenge Taktgefüge zugunsten impressionistischer Freiheiten aufs Spiel zu setzen. Ein Manko, an dem auch Tschaikowskis Schicksalssinfonie litt: Mehr Experimentierlust mit dem Tempo hätte man sich hier vor allem gewünscht. Doch dafür arbeitete der Spanier die Instrumentengruppen extrem sauber heraus: Wunderbar, wie sich im zweiten Satz der Dialog zwischen Oboe, Horn und Klarinette entfaltet, das Liebesgeflüster zu einer Klage anschwillt und sich unversehens im Netz fein gesponnener Abhängigkeiten verfängt. Erst die glühenden Streicher werden die Seligkeit wieder zurückerobern.

Von Rafael Sala

2006

14. Osterakademie

W. A. Mozart: Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur, Solistin: Elizabeth Sombart
A. Bruckner: Sinfonie Nr. 5 B-Dur

22.04.2006 Forum Unterschleißheim
23.04.2006 Kubiz Unterhaching
24.04.2006 Herkulessaal der Münchner Residenz

Interpretationstage

W. A. Mozart:
Sinfonia Concertante für Bläser und Orchester in Es-Dur, KV 279b
Andante für Flöte und Orchester in C-Dur, KV 315, Solistin: Conny Lechner
Sinfonie Nr. 40 in g-moll, KV 550

05.11.2006 Kubitz, Unterhaching

Musikalische Architektur von erhabener Größe

Bruckner Akademie Orchester in Unterschleißheim und Unterhaching

Dem jungen Ensemble unter Jordi Mora gelingt überwältigende Aufführung der schwierigen 5. Symphonie

So schlicht Ankündigung und Titel der Konzerte des Bruckner Akademie Orchesters in Unterschleißheim, im Kubiz Unterhaching und im Herkulessaal der Münchner Residenz auch waren – Abschlusskonzert der 14. Or-chesterakademie München 2006 – so großartig waren die Abende. Anton Bruckners Symphonie Nr. 5 in B-Dur stand auf dem Programm und damit letztlich Unfassbares.
Man betritt einen Dom, wird mit einer musikalischen Architektur erhabenster Größe konfrontiert, in der Bausteine – man möchte sie als „Quader“ bezeichnen – übereinander getürmt sind und die zuletzt mit einer gewaltigen Kuppel gekrönt ist. Für die Bruckner-Freunde ist das nichts Neues, für alle anderen ohnehin kaum nachvollziehbar. Seine Fünfte, die Bruckner selbst seine „Phantastische Symphonie“ nannte, zog zumindest in Unterschleißheim, wo sie den Abend füllte – im Kubiz Unterhaching und im Herkules-saal hat Elzabeth Sombart als Solistin vorher Mozarts Klavierkonzert A-Dur KV 488 gespielt – bei weitem nicht so viele Zuhörer an, wie es ein musikalisches Großereignis dieser Dimension verdient hätte. Jordi Mora hat mit seinem Orchester eine überwältigend große Aufführung erarbeitet.
Mora ist Celtbidache-Schüler, einer von vielen. Während die meisten anderen nur Celibidaches sehr gemäßigte Tempi der Spätzeit überneh-men, hat Mora auch die Geistigkeit und die enorme Spannkraft für Bruckners ungeheuer große Bögen. (Immer wieder drängt sich das Bild von mächtigen Gewölben auf.) Der Dirigent hat den großen Atem für diese Bögen, er hält die Spannung über die durch tiefe Pausen getrennten Klangblöcke, hat die komplizierte Kontrapunktik dieser Bruckner-Symphonie im Kopf – Mora dirigiert das Riesenwerk von fast 90 Minuten Dauer auswendig – und kann sie den Zuhörern durchschaubar machen. Sein jugendliches Orchester folgt ihm hochkonzentriert und musiziert mit der erforderlichen musikalischen und technischen Brillanz.
Was für eine unvergleichliche menschliche und künstlerische Erscheinung war Anton Bruckner, eine Persönlichkeit, die sehr selten ist in unserer Welt. Welche Visionen gingen durch seinen Kopf, in dem seine Zeitgenossen nur ein sehr schlichtes Gemüt sahen, wie brachte er sie zu Papier und wie brachte sie Jordi Mora mit seinem großen und grandiosen Bruckner Akademie Orchester zu Gehör.
Für aufnahmebereite Zuhörer war die Begegnung mit Bruckners „Fünfter“ in Jordi Moras Aufführung eine erschütternde Begegnung mit würdiger Erhabenheit, mit Majestät.

ADOLF KARL GOTTWALD

2005

13. Osterakademie

R. Wagner: Vorspiel zu „Tannhäuser“ 
D. Schostakowitsch: 7. Sinfonie „Leningrader“

02.04.2005 Forum Unterschleißheim
03.04.2005 Kubiz Unterhaching
04.04.2005 Herkulessaal, der Münchner Residenz

Interpretationstage

A. Dvorak:
Bläserserenade in d-moll, op. 44   
Romanze für Violine und Orchester in f-moll, op. 11
Solovioline: Regine Nosske
P. I. Tschaikowsky:  Streicherserenade in C-Dur, op. 48

06.11.2005 Kubiz Unterhaching

2004

12. Osterakademie

R. Wagner: Parsifal, Vorspiel zum ersten Aufzug und Karfreitagszauber
A. Bruckner: Sinfonie Nr. 2 c-moll

18.04.2004 Kubiz Unterhaching
04.04.2004 Herkulessaal, der Münchner Residenz

Interpretationstage 2004

W.A. Mozart:
Symphonie Nr. 32 in G -Dur KV 318
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 24 in c-moll KV 491
G. Bizet: Symphonie in C -Dur 

07.12.2004 Kubitz, Unterhaching

2003

11. Osterakademie

R. Wagner: „Die Meistersinger von Nürnberg“, Vorspiel zum 1. Akt
A. Pärt: Sinfonie Nr. 3
S. Prokofjew: Sinfonie Nr. 5 B-Dur op. 100

27.04.2003 Herkulessaal, der Münchner Residenz
28.04.2003 Kubiz Unterhaching

Interpretationstage 2003

W.A. Mozart: Serenade in B-Dur für Bläser KV 361 „Gran Partita”
A. Dvorak: Serenade für Streicher in E-Dur op.22

02.11.2003 Kubitz, Unterhaching

Kappellmeisterkunst und kultiviertes Spiel

Wie soll ein Orchester in unserer Zeit erfolgreich sein? Zumal eine Ad-Hoc-Formation, deren junge Instrumentalisten aus aller Herren Länder sich einmal im Jahr meist in München treffen, um unter der Leitung ihres „Maestro“ Jordi Mora Orchesterwerke zu erarbeiten. Das Bruckner-Akademie-Orchester hatte bei seinem traditionellen Unterhaching-Gastspiel vor viel zu wenig Zuhörern die Antwort parat: eine knisternde Energie und strotzende Vielfalt im Spiel.
Die Musiker trauen sich was mit Richard Wagners „Meistersinger-Vorspiel“. Ihr unbeirrbares Engagement gibt sich nicht mit weniger zufrieden. Also viel bronzener Glanz von der Blechbläsergruppe, die sogar ein traumhaftes Pianissimo-Spiel zu kultivieren imstande ist. Beim Jubel auf der Festwiese und dem Einzug der Handwerksgilden wird die dynamische Disziplin im Zusammenspiel auf die Probe gestellt und auch „gemeistert“. Mora setzt nicht auf manirierten Forte-Rausch, sondern auf gediegene Kapellmeisterkunst. Die Musik atmet, pulsiert, ohne sich in extravagante Aufregung zu verlieren.
Die Sinfonie Nr. 3 von Arvo Pärt ist „Kult“ im doppelten Sinne. Sie hat ihre Fans über alle Geschmacksgrenzen hinweg: Wer mit Henze, Zwölfton oder auch mit Alban Berg nichts am Hut hat, versenkt sich in Pärts magisch symphonischem Glockengeläut. Will er in den langsamen, weitflächigen Tonbildern Wagners „Parsifal“ aufgehen, sich in Jean Sibelius nordisch nebligen Wäldern verirren oder mit Sergej Prokofjew über die russische Steppe hetzen, dann liegt der Zuhörer nicht so falsch. Das Orchester trifft den formell-strukturellen Aufriss dieser mystisch wabernden Musik haargenau und stürzt nicht in esoterische Untiefen. In seiner ganzen Vielschichtigkeit leuchtet hier das nicht unproblematische Werk auf.

Klageton zieht sich als Leitmotiv durchs Werk

Bei Sergej Prokofjews fünfter Sinfonie brechen die Schleusen. Das Bruckner-Akademie-Orchester wagt unter Jordi Mora ohne alle Abstriche das Risiko – und gewinnt. Dirigent und Ensemble schöpfen die Kontraste dieser 1944 entstandenen und sich sich oft dem Grotesken, Bizzaren nähernden Sinfonie aus. Querstrebige musikalische Verflechtungen, volksmelodisch tänzerische Sequenzen, schillernde Farbkontraste und eine vom Rhythmus besessene Wildheit: All das wird herausgearbeitet und „mit Leben“ erfüllt. Ergreifend der Klageton, den die Streicher anstimmen und der sich leitmotivisch durch das Werk zieht. Immerhin musste Prokofjew ständig mit dem Auftauchen von Stalins Schergen und seinem Abtransport in den Gulag rechnen. So viel klangliche Entfesselung fasziniert noch mehr aber, dass die Spieler als Zugabe die Kraft für eine Teil-Reprise der Fünften aufbringen.

Von Manfred Stanka

Aufwühlendes Erlebnis

Bruckner-Akademie-Orchester musiziert meisterlich

Unterschleißheim • Der Hamburger Johannes Brahms beliebte nicht zu scherzen. Als er von seinem zweiten Klavierkonzert berichtete, „dass er ein ganz kleines Clavierconcert geschrieben mit einem ganz ganz einem klemen zarten Scherzo“ war das die reine
Tiefstapelei. Dieses ganz kleine Clavierconcert ist in Wirklichkeit eines der größten, ein Werk von enormer Dimension und äußerster Schwierigkeit.
Bei den Konzerten der 15. Osterakademie des Bruckner Akademie Orchesters erklang nach diesem Riesenwerk von fast einer Stunde Dauer noch ein zweites Werk größter Bedeutung und Ausdehnung, die fünfte Symphonie von Peter Tschaikowsky.